Fachtagung: Alleinerziehende brauchen Problembewusstsein beim Gegenüber

Eine Menge interessierter Menschen hatten sich eingefunden, um der Fachtagung zu lauschen. Foto: Martin Krehl

Schwerte. Wenn alle Beteiligten ein Problembewusstsein entwickeln, gibt es das Problem bald nicht mehr. Immer noch macht Alleinerziehenden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie große Probleme. Das Schwerter Bündnis für Familie hatte wie versprochen zu einer Fachtagung in die VHS eingeladen. Da saßen Akteure aus allen denkbaren Lebensbereichen zusammen. Und entwickelten dermaßen viel Problembewusstsein, dass Schwerte demnächst ein Leuchtturm in Sachen Hilfen für Alleinerziehende sein müsste.

Zu einer Fachtagung gehören Fachleute – im Raum 1 der Volkshochschule am Markt hatten Bündnis-Sprecher Michael Schlabbach und Schwertes Demographie-Expertin Anke Skupin  (KuWeBe) am Dienstagabend tatsächlich geballtes Fachwissen sitzen. Von der Bundesagentur für Arbeit über Kita-Leitungen bis zum Verband der Alleinerziehenden war alles vertreten. Auch die Schwerter Unternehmerschaft – wobei ausgerechnet der Villigster Unternehmer Philip Halbach vorzeitig nach Hause musste: „Ich muss meine Kinder ins Bett bringen…“

Aber immer noch sind nach Trennungen fast in der Regel die Frauen diejenigen, die die Kinder auffangen. Und 60 Prozent von ihnen sind berufstätig, 42 Prozent sogar in Vollzeit. Bei ihnen sind Kinder plötzlich „Vermittlungshindernisse“, bei Einstellungsgesprächen schwingt immer die Frage mit „Was, wenn die Kinder krank werden?“, da kann die Bewerberin noch so qualifiziert sein.

 „Was, wenn Kinder krank werden?“

Das ist, so Professor Dr. Marianne Kosmann, Sozialwissenschaftlerin an der Fachhochschule Dortmund, in der Bundesrepublik seit langem so. Und in Schwerte leider nicht anders. Kosmann hat zusammen mit der Sozialarbeiterin Christine Grabowski im Auftrag des Schwerter Bündnisses für Familie eine hochspannende Studie über die Situation von alleinerziehenden Berufstätigen erarbeitet. Sie hat mit vielen Dutzend Eltern gesprochen, hat aber bewusst auf eine repräsentative Umfrage verzichtet.

Laut Marianne Kosmann wird das propagierte moderne Familienbild von der gleichberechtigten Lebenspartnerschaft kaum tatsächlich gelebt. Die sozialpolitischen Wunderländer Skandinaviens sind den Deutschen Lichtjahre voraus. „Schwerte kann nicht skandinavisch werden, aber Sie können hier anfangen, etwas zu verändern“, riet sie durchaus optimistisch den Tagungsteilnehmern.

Betreute Freizeitgestaltung wichtig

Kosmann schlug u.a. Patenmodelle für Alleinerziehende vor, und („Ganz wichtig!“) kostenlose, aber betreute Freizeitgestaltungen für Kinder und  Jugendliche. Arbeitszeiten könnten noch viel flexibler gestaltet werden, die Bundesagentur für Arbeit brauche qualifiziertes und vorurteilsfreies Personal. Die Stadt könne ein Lotsensystem installieren, eine Clearingstelle für Streitfragen einrichten.

Kosmann: „Das Wichtigste vorab ist aber das Bewusstsein zu schaffen dafür, dass es Alleinerziehenden fast kaum möglich ist, die Familie ohne Inanspruchnahme von Sozialleistungen durchzubringen“.

Wenn bei dieser Fachtagung eins geschaffen wurde, dann das Bewusstsein dafür, dass vor Ort endlich etwas getan werden muss. Die Vertreterin der Bundesagentur für Arbeit bilanzierte, dass in der Ruhrstadt allein 327 Alleinerziehende Arbeitslosengeld II beziehen, 143 von ihnen keinen Job in Aussicht haben und 21 akute Kinderbetreuungsprobleme vorweisen können.

Homeoffice ist nicht so schwierig

Philip Halbach, der in seiner Villigster Firma Diagramm Halbach zig unterschiedliche Arbeitszeitmodelle stemmt, wies daraufhin, dass der Handlungsdruck in diesen Situationen oft allein im Betrieb hängen bleibe. Halbach beteiligt sich an der geplanten Großtagespflege, die sich die größten Schwerter Unternehmen demnächst teilen werden. Homeoffice-Konzepte seien unproblematischer als mancher Unternehmer-Kollege denke.

Jugendamtsleiter Andreas Pap hat im Rathaus zumindest schon alle Kinderbetreuungsangebote in einer Fachdienststelle konzentriert. Die Kindertagespflege werde noch mehr als bisher ausgebaut, Kita-Plätze müssen in staunenswerten Größenordnungen gestemmt werden („80 Plätze im nächsten Jahr, das ist eine dreigruppige Einrichtung“), die OGS-Angebote müssen quantitativ wie qualitativ verbessert werden.

Plädoyer für Fachkräfte

Die Gelsenkirchener Kita-Leiterin Heike Kostarellis, die in Schwerte die Tageseltern ausbildet, plädiert für Fachkräfte in der Kinderbetreuung, die dem Phänomen der Randzeitenbetreuung wertfrei gegenüber stehen. Eltern, die schon frühmorgens oder bis spätabends ihren Nachwuchs in eine Betreuung geben müssen, brauchen das Gefühl, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. „Die Betreuer müssen immer das Ohr bei den Eltern haben und reagieren,“ mahnte Kostarellis.

Nicola Berkhoff vom Verband für alleinerziehende Mütter und Väter möchte gern, dass in Schwerte Frauen „nie das Pech haben, die Kinder nehmen und arbeiten gehen zu müssen“. Nach ihrer Philosophie dürfen Kinder „niemals ein Vermittlungshemmnis sein“. Der Verband vermittelt sogenannte Kinderfeen in Privathaushalte.

Bündnis-Sprecher Michael Schlabbach und Anke Skupin wollen die Ergebnisse der Fachtagung bündeln und wiederum allen Beteiligten in Schwerte zur Verfügung stellen. Die lesenswerte Studie gibt es beim Bündnis für Familie: Eine Mail an glueckauf@mimesch.de reicht.

 

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